Schwerpunkte · Diagnose & Behandlung
Spinalkanalstenose
Bei einer Spinalkanalstenose ist der Kanal, durch den das Rückenmark und die Nervenwurzeln verlaufen, durch Verschleiss eingeengt. Das Leitsymptom ist der typische «Schaufensterkrankheit des Rückens»: Schmerzen und Schwere in den Beinen beim Gehen, die sich im Sitzen oder Vornüberbeugen rasch bessern.
Was ist eine Spinalkanalstenose?
Der Spinalkanal ist der knöcherne Kanal in der Wirbelsäule, durch den das Rückenmark und die Nervenwurzeln verlaufen. Durch jahrzehntelangen Verschleiss können sich Bandscheiben vorwölben, Wirbelgelenke vergröbern und das hintere Längsband verdicken – alles zusammen engt den Kanal ein.
Die Stenose tritt vor allem im unteren Lendenbereich auf (lumbale Stenose), seltener an der Halswirbelsäule. In leichter Form ist sie bei über 60-Jährigen sehr häufig und oft beschwerdefrei; erst bei relevanter Einengung entstehen die charakteristischen Symptome.
Symptome
Das charakteristische Muster der Spinalkanalstenose ist die neurogene Claudicatio – zu unterscheiden von der gefässbedingten Claudicatio bei Durchblutungsstörungen:
- Schmerzen, Schweregefühl oder Taubheit in beiden Beinen beim Gehen – nach einer bestimmten Gehstrecke, die von Mal zu Mal kürzer wird
- Rasches Nachlassen beim Stehenbleiben oder Hinsetzen – und besonders beim Vornüberbeugen («Einkaufswagensymptom»)
- Rückenschmerzen – oft weniger dominant als die Beinbeschwerden
- Treppensteigen bergauf oft besser möglich als bergab – da die Vorneigung des Rumpfes den Kanal erweitert
- Fahrradfahren meist beschwerdefrei – der gebeugte Rücken entlastet den Kanal
Ursachen und Risikofaktoren
Die Spinalkanalstenose ist fast immer eine Erkrankung des Alterns – ein Prozess, der sich über Jahrzehnte entwickelt:
- Bandscheibendegeneration – Vorwölbung ins Kanalinnere
- Vergrösserung der Wirbelgelenke (Spondylarthrose) – einschliesslich Bildung von Knochensporn
- Verdickung des hinteren Längsbandes (Ligamentum flavum)
- Wirbelgleiten – kann eine bestehende Stenose verstärken
- Anlagebedingt enger Spinalkanal – manche Menschen haben von Geburt an weniger Reserveplatz
Diagnose
- Klinische Untersuchung – Gehstreckentest, Neurologie, Provokations- und Entlastungsmanöver
- MRT – Goldstandard; zeigt das Ausmass der Einengung und die betroffenen Nervenstrukturen
- CT – zur Beurteilung der knöchernen Strukturen, Planung komplexer Eingriffe
- Stehend-Röntgen / Funktionsaufnahmen – zum Ausschluss einer Instabilität
Bildgebungsbefunde müssen immer im Kontext der Klinik beurteilt werden: Eine radiologisch ausgeprägte Stenose kann symptomarm sein, während eine mittelgradige Stenose erhebliche Beschwerden verursachen kann.
Behandlung
Konservative Therapie
Bei leichten bis mittelschweren Beschwerden ist ein konservativer Therapieversuch sinnvoll:
- Physiotherapie – Kräftigung der Rumpfmuskulatur, Flexions-orientierte Übungen
- Interventionelle Schmerztherapie – periradikuläre Therapie (PRT), epidurale Injektionen
- Schmerzmedikamente – NSAR, bei Bedarf neuropathische Analgetika
- Gehilfsmittel und Anpassung der Alltagsaktivitäten – Rollator, Fahrrad als Ausweichalternative
Wann ist eine Operation angezeigt?
Eine Dekompressionsoperation ist indiziert bei:
- Relevanter Einschränkung der Lebensqualität und Gehstrecke trotz konservativer Therapie
- Progredienten neurologischen Ausfällen
- Cauda-equina-Syndrom – sofortige Operation
Operative Verfahren
Endoskopische Dekompression
Minimal-invasive Erweiterung des Spinalkanals über winzige Schnitte, ohne wesentliche Schädigung der Rückenmuskulatur – besonders schonend für ältere, multimorbide Patienten.
Mikrochirurgische Dekompression
Bewährtes offenes Verfahren in Vollnarkose. Gezielte Entfernung des einengenden Gewebes unter dem Mikroskop. Geeignet auch für mehretagige Stenosen oder wenn gleichzeitig eine Stabilisierung notwendig ist.
Ob eine alleinige Dekompression ausreicht oder eine zusätzliche Fusion notwendig ist, hängt massgeblich vom Vorliegen einer Instabilität (z.B. Wirbelgleiten) ab. Diese Entscheidung wird individuell und auf Basis der Bildgebung getroffen.
Mein Ansatz
Die Spinalkanalstenose betrifft oft ältere Patienten mit Begleiterkrankungen, bei denen das Narkoserisiko sorgfältig abgewogen werden muss. Gewebeschonende, minimal-invasive Verfahren sind hier besonders wichtig; die Wahl von Zugang und Narkose stimme ich individuell auf den Befund und die Belastbarkeit ab.
Die Frage Dekompression allein vs. mit Fusion ist eine der meistdiskutierten in der Wirbelsäulenchirurgie. Meine Entscheidungsgrundlage ist die klinische und radiologische Instabilität – nicht die Fusions-Indikation als Routine. Die aktuelle Studienlage (u.a. NORDSTEN, Försth 2016) stützt dieses zurückhaltende Vorgehen.
Mehr zu endoskopischen und minimal-invasiven Verfahren →Was sagt die Forschung?
SPORT-Studie Stenose: Operation vs. konservative Therapie (NEJM 2008)
Die SPORT-Studie untersuchte operierte und konservativ behandelte Patienten mit lumbaler Stenose über 4 Jahre. Operierte Patienten zeigten signifikant grössere Verbesserungen in Schmerz, Funktion und Lebensqualität – besonders ausgeprägt im ersten Jahr. Weinstein JN et al., NEJM 2008, PMID 18525028 →
Dekompression mit oder ohne Fusion? (NEJM 2016)
Försth et al. verglichen in der SWESPINE-Studie (n=247) Dekompression allein mit Dekompression plus Fusion bei lumbaler Stenose mit und ohne degeneratives Wirbelgleiten. Nach 2 Jahren zeigten sich keine signifikanten Unterschiede im klinischen Ergebnis – die Fusionsrate war deutlich höher, ohne messbaren Vorteil für den Patienten. Försth P et al., NEJM 2016, PMID 27276561 →
NORDSTEN-Studie: Fusion bei degenerativem Gleiten (NEJM 2021)
Austevoll et al. (NORDSTEN) randomisierten Patienten mit Stenose und degenerativem Spondylolisthese zu Dekompression allein vs. Dekompression plus Fusion. Nach 2 Jahren war der klinische Unterschied nicht signifikant, die fusionierte Gruppe hatte jedoch längere Operationszeiten und mehr Komplikationen. Austevoll IM et al., NEJM 2021, PMID 34879207 →
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