Für die Schweiz wurden für das Jahr 2019 rund 82 000 neue Fragilitätsfrakturen geschätzt – im Durchschnitt etwa eine alle sechs bis sieben Minuten.[1] Mit der alternden Bevölkerung dürfte diese Zahl weiter steigen; für 2034 werden gegen 113 000 Frakturen projiziert.[1] Es handelt sich um Modellschätzungen: Die Schweiz verfügt über kein vollständiges nationales Fragilitätsfraktur-Register.
Ein osteoporotischer Wirbelbruch ist dabei nicht nur eine einzelne Verletzung. Er ist ein Warnsignal: Der akute Bruch muss beurteilt und behandelt werden – gleichzeitig sollte das Risiko weiterer Frakturen konsequent abgeklärt und gesenkt werden.
Warum ein Wirbelbruch ein Warnsignal ist
Die Wirbelkörper der Brust- und Lendenwirbelsäule tragen einen Grossteil des Körpergewichts und enthalten einen hohen Anteil an trabekulärem Knochen, dessen feine innere Struktur bei Osteoporose besonders beeinträchtigt werden kann.[2] Deshalb gehören Wirbelbrüche zu den häufigsten osteoporotischen Frakturen.[2]
Oft entstehen sie ohne nennenswerten Unfall – beim Anheben einer Einkaufstasche, beim Bücken oder scheinbar aus dem Nichts. Nicht jeder Wirbelbruch schmerzt sofort; manche zeigen sich erst später durch Grössenverlust oder eine zunehmende Rundrückenbildung.
Wie hoch das Risiko für einen weiteren Bruch ist, zeigt eine vielzitierte Untersuchung: In einer Analyse postmenopausaler Frauen mit Osteoporose erlitt fast jede Fünfte nach einem neu aufgetretenen Wirbelbruch innerhalb des folgenden Jahres einen weiteren radiologisch nachgewiesenen Wirbelbruch.[3] Die genaue Höhe des persönlichen Risikos ist unterschiedlich, und nicht jeder dieser Folgebrüche verursacht Beschwerden. Entscheidend ist die Botschaft: Eine erste Fraktur ist ein wichtiges Warnsignal und sollte Anlass für eine konsequente Abklärung und Behandlung sein.
Zwei Aufgaben nach einem Wirbelbruch
- Den akuten Bruch behandeln.
- Das Risiko weiterer Frakturen senken.
Beide gehören zusammen. Eine technisch erfolgreiche Versorgung eines einzelnen Wirbels behandelt noch nicht die zugrunde liegende Skeletterkrankung.
Zur zweiten Aufgabe gehören die Beurteilung des individuellen Frakturrisikos, eine Knochendichtemessung, die Abklärung möglicher Ursachen sowie eine risikoadaptierte medikamentöse Therapie. Ebenso wichtig sind eine ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D, gegebenenfalls eine gezielte Supplementierung, Bewegung, Kraft- und Gleichgewichtstraining sowie die Vermeidung von Stürzen.[4] Diese Behandlung erfolgt je nach Situation in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt, der Rheumatologie, Endokrinologie oder Osteologie.
Die aktuelle Leitlinie empfiehlt, längere Bettruhe zu vermeiden beziehungsweise möglichst kurz zu halten und die Osteoporosetherapie zeitnah zu beginnen.[4]
Ein Bruch ist keine Momentaufnahme
Besonders wichtig – und in vielen Standardtexten unterbelichtet – ist die Dynamik: Manche Wirbel sintern über Tage und Wochen weiter ein oder werden zunehmend instabil. Eine anfangs stabile Situation kann sich verändern und die Behandlungsstrategie beeinflussen.
Deshalb gehören anhaltende oder zunehmende Beschwerden kontrolliert. Insbesondere bei zunehmenden Schmerzen, nachlassender Mobilität, neu aufgetretenem Grössenverlust oder einer Veränderung der Körperhaltung sollte der Befund erneut beurteilt werden.[4]
Wie die Behandlung des Bruchs festgelegt wird
Ob ein Wirbelbruch konservativ oder operativ behandelt wird, hängt nicht von einer einzelnen Zahl ab, sondern von einer Gesamtbeurteilung: Frakturtyp, Verlauf, Beschwerden, Mobilität, Knochenqualität und Allgemeinzustand.
Als strukturierte Orientierung dienen die OF-Klassifikation – sie beschreibt anhand der Bildgebung Form und Ausmass der Schädigung des Wirbelkörpers[5] – und der ergänzende OF-Score, der klinische Faktoren einbezieht.[6] Beide helfen, die Entscheidung nachvollziehbar zu strukturieren, ersetzen aber nicht die individuelle ärztliche Beurteilung.
Die konkreten Verfahren – von der konservativen Behandlung über die minimal-invasive Verstärkung des Wirbelkörpers mit Knochenzement bis zur instrumentierten Stabilisierung – sind ausführlich auf der Seite Osteoporotische Wirbelkörperfraktur beschrieben.
Mein Ansatz
Osteoporotische Wirbelbrüche sind einer meiner klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkte. In einer retrospektiven Zehnjahresanalyse an einem Schweizer Universitätsspital habe ich mit meinem Team 8 307 akute Wirbelfrakturen unterschiedlicher Ursachen hinsichtlich Epidemiologie, Behandlungsmustern und Komplikationen ausgewertet.[7] Diese wissenschaftliche Erfahrung fliesst in die Sprechstunde ein: in eine sorgfältige Einordnung des Befunds, eine nachvollziehbare Empfehlung und – wo sinnvoll – ausdrücklich auch in die Empfehlung gegen einen Eingriff.