Wissen · Osteoporotische Frakturen

Osteoporotische Wirbelkörperfraktur

Ein plötzlicher Rückenschmerz nach einem harmlosen Sturz, beim Heben oder sogar ohne erkennbaren Anlass – das kann eine Wirbelkörperfraktur durch Osteoporose sein. Diese Frakturen sind häufig, oft unterschätzt und in den meisten Fällen gut behandelbar.

Häufigste Fraktur des älteren Menschen · Bis zu 700 000 Fälle jährlich in Europa · Behandlung oft ohne Vollnarkose möglich

Was ist eine osteoporotische Wirbelkörperfraktur?

Bei Osteoporose verliert der Knochen an Dichte und Stabilität. Die Wirbelkörper der Brust- und Lendenwirbelsäule sind besonders gefährdet: Sie tragen das gesamte Rumpfgewicht und reagieren als Erste, wenn die Knochenqualität nachlässt. Dabei kommt es zu einer Einstauchung oder einem Einsinken des Wirbelkörpers – meist an der vorderen (ventralen) Seite, was zu einer keilförmigen Deformität führt.

Jede Fraktur schwächt auch die benachbarten Wirbelkörper und erhöht das Risiko für Folgefrakturen erheblich (relatives Risiko etwa fünffach erhöht). Das keilförmige Einsinken mehrerer Wirbelkörper kann zu einer zunehmenden Rundrückenbildung führen und die Atmung, den Bauchraum und die Körperhaltung beeinträchtigen.

Symptome

  • Plötzlicher, starker Rückenschmerz – oft nach einem Bagatelltrauma (Stolpern, Niesen, Aufstehen), manchmal ohne erkennbares Ereignis
  • Schmerzverstärkung beim Aufstehen und Bewegen, Erleichterung im Liegen
  • Klopfschmerz über dem betroffenen Wirbelkörper – charakteristisches Zeichen bei der Untersuchung
  • Zunehmende Rundrückenbildung und Körpergrössen-Abnahme bei mehreren Frakturen
  • Ausstrahlung in Flanke oder Bauch möglich, selten bis in die Beine
Warnsymptome – rasche Abklärung nötig: Lähmungszeichen, Taubheit oder Blasen- und Darmschwäche nach einem Sturz können auf eine Rückenmarkbeteiligung hinweisen. Im Notfall: 144 oder nächste Notaufnahme. Auch bei hochgradiger Osteoporose kann eine instabile Fraktur vorliegen, die eine sofortige Stabilisierung erfordert.

Ursachen und Risikofaktoren

  • Osteoporose – Knochenabbau durch Alter, Hormonmangel (Wechseljahre), Kortison-Einnahme oder andere Ursachen
  • Hohes Alter – insbesondere bei Frauen nach der Menopause, aber auch bei älteren Männern
  • Sturz aus dem Stand – oft geringfügig (Stolpern, Aufstehen), reicht bei schlechter Knochenqualität zur Fraktur
  • Steroidtherapie (z. B. bei rheumatologischen oder pulmologischen Erkrankungen)
  • Tumorerkrankungen – Metastasen in der Wirbelsäule können Frakturen ohne adäquates Trauma verursachen (pathologische Fraktur)
  • Vorangegangene Wirbelkörperfraktur – erhöht das Risiko für weitere Frakturen um etwa das Fünffache (relatives Risiko)

Diagnose

  • Klinische Untersuchung – Klopfschmerz, neurologischer Status, Beurteilung der Körperhaltung
  • Röntgen der Wirbelsäule – möglichst im Stehen/unter Belastung; erste Beurteilung von Frakturtyp, Höhenverlust und Achse
  • MRT der Wirbelsäule – hilft besonders, eine frische von einer alten Fraktur zu unterscheiden (Ödem = frische Fraktur) und andere Ursachen auszuschliessen
  • CT der Wirbelsäule – detaillierte Knochenanalyse bei komplexen Frakturen, Operationsplanung
  • Knochendichtemessung (DXA) – zum Nachweis und zur Quantifizierung der Osteoporose
  • Labor – Knochenmarker, Tumorsuche, Kalzium- und Vitamin-D-Spiegel

Die Diagnose stützt sich auf die klinische Untersuchung, die (möglichst belastete/stehende) Röntgendiagnostik sowie – je nach Fragestellung – CT oder MRT. Die Unterscheidung zwischen einer frischen, schmerzhaften Fraktur und einer bereits konsolidierten alten Fraktur ist entscheidend für die Therapiewahl.

Klassifikation und Therapieentscheidung

Ob eine Fraktur konservativ oder operativ behandelt wird, hängt nicht von einer einzelnen Zahl ab, sondern von einer Gesamtbeurteilung. Als strukturierte Entscheidungshilfe dienen:

  • OF-Klassifikation (Schnake 2018) – beschreibt anhand der Bildgebung Form und Ausmass der Wirbelkörperschädigung (OF1–OF5). Basis der Therapieentscheidung.
  • OF-Score (Blattert 2018) – ergänzt die Klassifikation um klinische Faktoren (Schmerz, Mobilität, Allgemeinzustand) zu einem Gesamtscore, der zwischen konservativer und operativer Behandlung leitet.
  • DGOU-S2k-Leitlinie (2025) – aktuelle evidenzbasierte Empfehlung zur Versorgung osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen.

Beide Instrumente helfen, die Entscheidung nachvollziehbar zu strukturieren – sie ersetzen jedoch nicht die individuelle ärztliche Beurteilung unter Berücksichtigung von Knochenqualität, Allgemeinzustand und Patientenwunsch.

Behandlung

Konservative Therapie

Stabile Frakturen ohne neurologische Beteiligung und mit beherrschbaren Schmerzen werden zunächst konservativ behandelt:

  • Schmerztherapie – je nach Intensität, kurzfristig auch Opioide möglich
  • Kurzfristige Ruhigstellung, dann rasche Mobilisierung – längere Bettruhe verlängert die Heilung nicht und erhöht das Thromboserisiko
  • Physiotherapie – Kräftigung der Rumpfmuskulatur, Haltungsschulung, Sturzprophylaxe
  • Osteoporose-Behandlung – je nach Befund und Risiko antiresorptive Medikamente (z. B. Bisphosphonate, Denosumab) oder eine osteoanabol wirkende Therapie (z. B. Teriparatid), ergänzt durch ausreichend Kalzium und Vitamin D sowie Bewegungstherapie; häufig in Zusammenarbeit mit Hausarzt, Rheumatologie oder Osteologie

Minimal-invasive Verstärkung des Wirbelkörpers mit Knochenzement

Bei ausgewählten, primär stabilen Frakturen mit anhaltend starken Schmerzen kann eine perkutane Verstärkung des Wirbelkörpers mit Knochenzement erwogen werden. Der Eingriff erfolgt über kleine Hautzugänge und kann bei geeigneten Patienten in örtlicher Betäubung durchgeführt werden.

Perkutane Vertebroplastie

Direktes Einbringen von Knochenzement in den frakturierten Wirbelkörper über eine dünne Nadel. Geeignet für frische, schmerzhafte Frakturen. Randomisierte Studien zeigen je nach Patientenauswahl, Frakturalter und Technik unterschiedliche Ergebnisse – der Nutzen hängt wesentlich von der richtigen Indikationsstellung ab.

Augmentation mit Ballontechnik

Zunächst wird mit einem Ballon eine Kavität geschaffen, die dann mit Knochenzement aufgefüllt wird. Ziel ist eine partielle Aufrichtung des Wirbelkörpers und Reduktion des Zementaustritts. Beide Verfahren werden unter Bildverstärker-Kontrolle, häufig in örtlicher Betäubung durchgeführt.

Die Indikation wird individuell gestellt: Frischezeichen im MRT, Schmerzniveau, Knochenqualität, Frakturtyp (OF-Grad) und die Allgemeinsituation des Patienten sind entscheidend. Wie jeder Eingriff hat die Zementaugmentation mögliche Risiken; Nutzen und Risiken werden anhand von Bildgebung und individueller Situation abgewogen.

Instrumentierte Stabilisierung

Bei instabilen Frakturen (OF3–OF5), ausgeprägter Deformität, Verletzung der hinteren Strukturen, neurologischer Beteiligung oder tumoröser Ursache ist eine operative Stabilisierung mit Schrauben und Stäben das sachgerechte Verfahren – nach dem Grundsatz: so wenig ausgedehnt wie möglich, so stabil wie nötig. Die Kombination mit einer Zementaugmentation ist möglich.

Mein Ansatz

Osteoporotische Wirbelkörperfrakturen sind ein klinischer und wissenschaftlicher Schwerpunkt meiner Arbeit. Die genaue Klassifikation und Einschätzung der Frakturinstabilität – auf Basis des MRT, des CT und des klinischen Bildes sowie der OF-Klassifikation – ist Voraussetzung für eine gute Therapieentscheidung. Nicht jede Fraktur braucht eine Intervention; aber bei anhaltenden Schmerzen und frischen Frakturen mit eindeutigem Ödem im MRT ist die Zementaugmentation ein wirksames, schonendes Verfahren – bei geeigneter Patientenselektion.

Ein besonderes Anliegen ist mir die Durchführbarkeit des Eingriffs ohne Vollnarkose: Die Augmentation kann ich bei geeigneten Patienten in örtlicher Betäubung unter Bildverstärker-Kontrolle vornehmen – eine wichtige Option für ältere, multimorbide Patienten.

Im Rahmen eines laufenden AO Spine International Projects befasse ich mich mit der systematischen Klassifikation und Versorgungsqualität osteoporotischer thorakolumbaler Frakturen. Mehr zu meiner Forschung →

Was sagt die Forschung?

Vertebroplastie vs. konservative Therapie bei schmerzhafter Fraktur

Klazen et al. (VERTOS II, Lancet 2010) verglichen in einer randomisierten Studie Vertebroplastie mit optimierter konservativer Therapie bei frischen, schmerzhaften osteoporotischen Frakturen und fanden eine signifikant stärkere und schnellere Schmerzreduktion unter Vertebroplastie. Demgegenüber zeigten Buchbinder et al. (NEJM 2009) und Kallmes et al. (INVEST, NEJM 2009) in doppelblinden Studien mit Scheineingriff-Kontrolle keinen signifikanten Unterschied gegenüber Placebo. Die Diskrepanz erklärt sich teils durch unterschiedliche Patientenselektion und Studienmethodik. Der Konsens: Bei sorgfältiger Selektion (frische Fraktur, MRT-Ödem, ausreichende Schmerzen) kann die Vertebroplastie wirksam sein. Klazen CA et al., Lancet 2010, PMID 20951450 →

Ballonaugmentation vs. konservative Therapie (FREE Trial, Lancet 2009)

Wardlaw et al. zeigten in einer multizentrischen randomisierten Studie, dass die Ballonaugmentation gegenüber konservativer Therapie bei osteoporotischen Frakturen zu einer signifikant besseren Lebensqualität, weniger Schmerzen und verbesserter Funktion führt – mit anhaltendem Effekt über 24 Monate. Wardlaw D et al., Lancet 2009, PMID 19781751 →

OF-Klassifikation und OF-Score

Die OF-Klassifikation (Schnake et al., Global Spine J 2018, PMID 30210960) und der OF-Score (Blattert et al., Global Spine J 2018, PMID 30210962) bilden das strukturierte Entscheidungsframework der DGOU für osteoporotische Wirbelkörperfrakturen. Beide sind Grundlage der aktuellen S2k-Leitlinie. Schnake KJ et al., Global Spine J 2018, PMID 30210960 →

Fragen zu Ihrer Fraktur?

Ich nehme mir Zeit für die Durchsicht Ihrer Bildgebung und eine klare, schriftliche Einschätzung – auch für Patienten mit bestehenden Befunden, die eine Zweitmeinung wünschen.