Wissen · Spondylodiszitis
Spondylodiszitis: Infektion von Bandscheibe und Wirbel
Bei einer Spondylodiszitis entzünden sich Bandscheibe und angrenzende Wirbelkörper – meist durch Bakterien, die über die Blutbahn in die Wirbelsäule gelangen. Die Erkrankung wird häufiger, betrifft vor allem ältere und abwehrgeschwächte Menschen und wird oft erst spät erkannt, weil sie zunächst wie ein gewöhnlicher Rückenschmerz wirkt. Rechtzeitig diagnostiziert, ist sie bei den meisten Patienten heilbar.
Was ist eine Spondylodiszitis?
Die Spondylodiszitis ist eine Infektion der Bandscheibe und der angrenzenden Wirbelkörper; ist vor allem der Wirbelknochen betroffen, spricht man auch von vertebraler Osteomyelitis. In den meisten Fällen gelangen Bakterien über die Blutbahn in das Bewegungssegment – ausgehend beispielsweise von Haut-, Harnwegs- oder Zahninfekten, infizierten Kathetern oder einer Herzklappenentzündung. Seltener entsteht die Infektion nach Eingriffen an der Wirbelsäule oder durch direkte Ausbreitung aus der Nachbarschaft.
Der häufigste Erreger ist Staphylococcus aureus. Am häufigsten betroffen ist die Lendenwirbelsäule. Die Infektion kann sich in den Wirbelkanal ausdehnen und dort einen epiduralen Abszess bilden, der Nerven oder Rückenmark komprimiert – oder die tragenden Strukturen so schwächen, dass Wirbel einbrechen und die Wirbelsäule instabil wird.
Die Erkrankung nimmt zu: Die Bevölkerung wird älter, mehr Menschen leben mit Diabetes, Nierenerkrankungen, Tumorbehandlungen oder abwehrschwächenden Medikamenten, und medizinische Eingriffe mit Kathetern und Implantaten sind häufiger geworden. Spezielle Formen wie die tuberkulöse Spondylodiszitis folgen eigenen Regeln; für sie hat unser Knowledge Forum separate Behandlungsempfehlungen erarbeitet.
Bigdon SF et al. Global Spine J. 2025. PMID 39852953 · Scherer J et al. Global Spine J. 2026. PMID 42533326
Typische Symptome – und warum die Diagnose oft spät kommt
Das Tückische an der Spondylodiszitis ist ihre Unauffälligkeit am Anfang:
- Zunehmender, bohrender Rückenschmerz – oft auch in Ruhe und nachts, anders als der übliche belastungsabhängige Kreuzschmerz
- Fieber fehlt häufig: Nur etwa die Hälfte der Patienten hat erhöhte Temperatur – fehlendes Fieber schliesst die Diagnose nicht aus
- Allgemeinsymptome: Abgeschlagenheit, Appetitverlust, Nachtschweiss, Gewichtsverlust
- Klopf- und Druckschmerz über dem betroffenen Abschnitt, schmerzbedingte Bewegungseinschränkung
- Neurologische Ausfälle wie Schwäche, Gefühlsstörungen oder Blasen-/Darmstörungen – Zeichen einer Nervenkompression, meist durch einen Abszess
Weil die Beschwerden zunächst unspezifisch sind, vergehen zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose nicht selten mehrere Wochen. Bei Rückenschmerz mit Fieber, Ruhe- und Nachtschmerz, kürzlichen Infekten oder erhöhten Entzündungswerten sollte deshalb gezielt an eine Spondylodiszitis gedacht werden.
Diagnose: Erreger und Ausdehnung bestimmen die Behandlung
Die Abklärung verfolgt zwei Ziele: die Infektion nachweisen und einordnen – und den verursachenden Erreger identifizieren, damit gezielt behandelt werden kann.
- Labor: Entzündungswerte (vor allem CRP) sind fast immer erhöht und dienen auch der Verlaufskontrolle
- Blutkulturen: möglichst vor Beginn der Antibiotika – sie identifizieren den Erreger bei einem relevanten Teil der Patienten
- MRT: die Standarduntersuchung. Sie zeigt die Entzündung von Bandscheibe und Wirbeln früh, ebenso Abszesse im Wirbelkanal oder in der Muskulatur
- CT: ergänzt die Beurteilung der knöchernen Zerstörung und dient der Operationsplanung
- Gezielte Biopsie: Bleibt der Erreger unbekannt und ist der Zustand stabil, wird vor einer ungezielten Antibiotikatherapie eine CT-gesteuerte oder offene Probenentnahme angestrebt
- Fokussuche: je nach Situation Suche nach der Infektionsquelle, einschliesslich Herzultraschall zum Ausschluss einer Endokarditis
Ein Grundsatz aus den internationalen Leitlinien: Bei stabilen Patienten ohne Sepsis und ohne neurologische Ausfälle lohnt es sich, mit der Antibiotikagabe bis zur Erregersicherung zu warten – eine zu früh begonnene, ungezielte Therapie kann die Diagnose verschleiern, ohne die Infektion zu beherrschen.
Berbari EF et al. Clin Infect Dis. 2015 (IDSA-Leitlinie). PMID 26229122
Die neue AO-Spine-Klassifikation: eine gemeinsame Sprache für die Behandlung
Lange fehlte für Wirbelsäuleninfektionen das, was bei Wirbelbrüchen selbstverständlich ist: ein international einheitliches System, das die Verletzung – hier die Infektion – so beschreibt, dass daraus nachvollziehbare Behandlungsentscheidungen folgen. Welche Spondylodiszitis kann konservativ behandelt werden, welche braucht eine Operation? Ohne gemeinsame Sprache wurden diese Entscheidungen von Klinik zu Klinik sehr unterschiedlich getroffen.
Das AO Spine Knowledge Forum Trauma & Infection hat deshalb die AO-Spine-Klassifikation für primäre Wirbelsäuleninfektionen entwickelt – ein neues System, das die Entscheidungsfindung weltweit standardisieren und die Kommunikation zwischen den Behandlungsteams verbessern soll. Ergänzend haben wir mit dem mSISS (Modified Spinal Instability Spondylodiscitis Score) ein Instrument validiert, das die zentrale Frage der mechanischen Stabilität bei Spondylodiszitis strukturiert beantwortet. An beiden Arbeiten bin ich im Knowledge Forum beteiligt – die Kriterien, nach denen ich hier in Bern berate, sind dieselben, die international beforscht und implementiert werden.
Für Patienten heisst das: Die Empfehlung für oder gegen eine Operation beruht nicht auf dem Bauchgefühl eines einzelnen Chirurgen, sondern auf einer systematischen Beurteilung von Erreger, Neurologie, Abszessbildung, knöcherner Zerstörung und Stabilität.
AO Spine Primary Infection Classification System – Klassifikationsübersicht und Toolkit · Schömig F et al. Global Spine J. 2026. PMID 42189054
Behandlung: vom alten zum neuen Paradigma
Antibiotika sind immer die Basis
Jede Spondylodiszitis wird antibiotisch behandelt – möglichst gezielt gegen den nachgewiesenen Erreger. Die Behandlung dauert in der Regel etwa sechs Wochen: Eine grosse randomisierte Studie zeigte, dass sechs Wochen einer zwölfwöchigen Therapie nicht unterlegen sind. Je nach Erreger, Immunlage und Verlauf kann im Einzelfall länger behandelt werden. Die Steuerung erfolgt gemeinsam mit der Infektiologie, der Verlauf wird klinisch und über die Entzündungswerte kontrolliert.
Bernard L et al. Lancet. 2015. PMID 25468170
Wann die konservative Behandlung genügt
Bei einem Teil der Patienten ist die Behandlung ohne Operation angemessen: wenn der Erreger bekannt ist, keine neurologischen Ausfälle bestehen, kein relevanter Abszess vorliegt, die Wirbelsäule stabil ist und die Infektion auf die Antibiotika anspricht. Dazu gehören angepasste Schmerztherapie, frühe Mobilisation – gegebenenfalls mit Orthese – und engmaschige klinische, laborchemische und bildgebende Kontrollen. Verschlechtern sich Entzündungswerte, Schmerzen, Stabilität oder Neurologie, wird die Strategie neu beurteilt.
Der Paradigmenwechsel: Was die frühe Operation leisten kann
Historisch wurde operiert, wenn es nicht mehr anders ging – bei Lähmungen, Sepsis oder zerstörter Statik. Die zusammengefasste Evidenz der letzten Jahre stellt diese Zurückhaltung infrage: Eine Metaanalyse mit fast 11'000 Patienten aus 21 Studien fand bei früh operierten Patienten eine Sterblichkeit von 8 gegenüber 13 Prozent unter konservativer Behandlung, rund 40 Prozent weniger Rückfälle und Therapieversagen sowie einen um durchschnittlich fast acht Tage kürzeren Spitalaufenthalt. Die Operation beseitigt dabei, was Antibiotika allein schlecht erreichen: infiziertes, zerstörtes Gewebe und Abszesse – und sie stellt die Stabilität wieder her, die für eine schmerzarme frühe Mobilisation nötig ist.
Wichtig für die ehrliche Einordnung: Diese Daten stammen überwiegend aus Beobachtungsstudien, nicht aus randomisierten Vergleichen – kränkere oder eben auch fittere Patienten können bevorzugt operiert worden sein. Ältere Übersichtsarbeiten fanden für beide Wege vergleichbare Ergebnisse bei korrekt ausgewählten Patienten. Ein Automatismus zur Operation lässt sich daraus nicht ableiten; ein Automatismus zur konservativen Behandlung aber ebenso wenig. Auch der aktuelle europäische Konsens der neurochirurgischen Fachgesellschaften geht für definierte Situationen in dieselbe Richtung einer aktiveren chirurgischen Haltung.
Thavarajasingam SG et al. Sci Rep. 2023. PMID 37730826 · Rutges JP et al. Eur Spine J. 2016. PMID 26585975 · Kramer A et al. Brain Spine. 2024 (EANS-Konsensus). PMID 39866360
Wann eine Operation klar angezeigt ist
- Neurologische Ausfälle durch Kompression von Rückenmark oder Nervenwurzeln, insbesondere beim epiduralen Abszess – hier zählt die Zeit,
- Sepsis oder nicht kontrollierbare Infektion trotz gezielter Antibiotika,
- Instabilität oder zunehmende Fehlstellung durch Zerstörung von Wirbeln und Bandscheibe – strukturiert beurteilt etwa mit dem mSISS,
- fehlende Erregersicherung, wenn Blutkulturen und Biopsie ohne Ergebnis bleiben und die Therapie ein Ziel braucht,
- Versagen der konservativen Behandlung mit anhaltenden Schmerzen, steigenden Entzündungswerten oder fehlender Mobilisierbarkeit.
Wie operiert wird
Grundprinzipien sind die Entfernung des infizierten Gewebes (Débridement), die Entlastung bedrängter Nerven und die Stabilisierung des betroffenen Abschnitts – je nach Situation dorsal, über kleine Zugänge mit perkutaner Schrauben-Stab-Instrumentierung unter Durchleuchtung, oder kombiniert mit Rekonstruktion der vorderen Säule. Entgegen einer verbreiteten Sorge ist auch das Einbringen von Implantaten im infizierten Gebiet bei richtiger Technik etabliert und sicher. In einer eigenen Serie von 73 Patienten mit erosiver lumbaler Spondylodiszitis war die einzeitige dorsale Versorgung mit Débridement, Stabilisierung und PMMA-Zement-Interponat sicher und wirksam – ein Eingriff statt mehrerer, mit früher Mobilisation.
Nach der Operation läuft die Antibiotikatherapie gezielt weiter; Mobilisation und Belastungsaufbau beginnen früh und werden klinisch sowie laborchemisch begleitet.
Deml MC et al. Bioengineering. 2022. PMID 35200426
Mein Ansatz
Wirbelsäuleninfektionen sind neben Trauma und osteoporotischen Frakturen mein dritter Forschungsschwerpunkt – die Behandlungsgrundsätze stammen direkt aus dieser Arbeit:
- Früh daran denken: Rückenschmerz mit Fieber, Nacht- und Ruheschmerz oder erhöhten Entzündungswerten wird gezielt abgeklärt – MRT und Blutkulturen, bevor wertvolle Zeit vergeht.
- Erreger vor Therapie: Bei stabilen Patienten wird der Erreger gesichert, bevor Antibiotika beginnen – gezielte Behandlung schlägt ungezielte.
- Strukturiert klassifizieren: Neurologie, Abszess, Destruktion und Stabilität werden nach der neuen AO-Spine-Klassifikation und dem mSISS beurteilt – dieselben Kriterien, die wir im Knowledge Forum entwickeln und validieren.
- Interdisziplinär behandeln: Die Therapie entsteht gemeinsam mit Infektiologie und – wo nötig – weiteren Disziplinen; die Antibiotikadauer orientiert sich an der Evidenz, nicht an Gewohnheit.
- Operieren mit klarem Ziel: Wenn die Kriterien erfüllt sind, früh und entschlossen – Débridement, Entlastung, Stabilisierung, möglichst gewebeschonend und wenn möglich einzeitig. Zögern verschlechtert bei dieser Erkrankung die Ausgangslage.
Was sagt die Forschung – und woran arbeite ich selbst?
Die neue AO-Spine-Klassifikation für primäre Wirbelsäuleninfektionen
Trotz steigender Häufigkeit fehlte bis vor Kurzem ein weltweit akzeptiertes Klassifikationssystem für primäre Wirbelsäuleninfektionen. Das AO Spine Knowledge Forum Trauma & Infection hat diese Lücke geschlossen: Die neue Klassifikation standardisiert die Beschreibung der Infektion und die daraus folgende Entscheidungsfindung – analog zu den etablierten AO-Klassifikationen bei Wirbelsäulenverletzungen. Das Toolkit ist frei verfügbar und wird international implementiert.
AO Spine Primary Infection Classification System – Übersicht und Downloads
Instabilität messbar machen: der mSISS
Ob eine Spondylodiszitis die Wirbelsäule mechanisch destabilisiert, ist eine der Schlüsselfragen für die Operationsindikation. In einer multizentrischen Studie haben wir den Spinal Instability Spondylodiscitis Score adaptiert und validiert – als reproduzierbares Instrument, das diese Beurteilung strukturiert und vergleichbar macht.
Schömig F et al. Global Spine J. 2026. PMID 42189054
Von der Forschung in die Praxis: Empfehlungen des Knowledge Forum
In einer Übersichtsarbeit des Knowledge Forum haben wir die wirkungsvollsten Studien zur pyogenen Spondylodiszitis aufgearbeitet und in klinische Empfehlungen übersetzt – von der Diagnostik über die Erregersicherung bis zur Wahl zwischen konservativer und operativer Behandlung. Für die tuberkulöse Wirbelsäuleninfektion liegen separate Empfehlungen vor.
Bigdon SF et al. Global Spine J. 2025. PMID 39852953 · Scherer J et al. Global Spine J. 2026. PMID 42533326
Frühe Operation: Sterblichkeit, Rückfälle und Spitalaufenthalt
Die Metaanalyse von Thavarajasingam und Kollegen (21 Studien, 10'954 Patienten) fand unter früher operativer Behandlung eine Sterblichkeit von 8 gegenüber 13 Prozent, eine Reduktion von Rückfällen und Therapieversagen um rund 40 Prozent und einen um 7,75 Tage kürzeren Spitalaufenthalt. Da randomisierte Studien fehlen, bleibt eine Verzerrung durch die Patientenauswahl möglich – die Konsistenz der Ergebnisse über die Endpunkte hinweg stützt aber den Trend zur aktiveren chirurgischen Haltung, den auch der europäische EANS-Konsens abbildet. Die ältere systematische Übersicht von Rutges, die beide Wege als gleichwertig einstufte, markiert den historischen Ausgangspunkt dieser Entwicklung.
Thavarajasingam SG et al. Sci Rep. 2023. PMID 37730826 · Kramer A et al. Brain Spine. 2024. PMID 39866360 · Rutges JP et al. Eur Spine J. 2016. PMID 26585975
Sechs Wochen Antibiotika genügen meist
Die randomisierte französische Studie von Bernard und Kollegen zeigte bei pyogener vertebraler Osteomyelitis, dass sechs Wochen Antibiotikatherapie zwölf Wochen nicht unterlegen sind. Zusammen mit der IDSA-Leitlinie bildet sie die Grundlage der heutigen, kürzeren und gezielteren Antibiotikaregime.
Bernard L et al. Lancet. 2015. PMID 25468170 · Berbari EF et al. Clin Infect Dis. 2015. PMID 26229122
Einzeitige Versorgung der erosiven Spondylodiszitis
In unserer Berner Serie von 73 Patienten mit pyogener erosiver lumbaler Spondylodiszitis erwies sich die einzeitige dorsale Versorgung – Débridement, Stabilisierung und PMMA-Zement-Interponat – als sicher und wirksam. Sie vermeidet mehrzeitige Eingriffe und ermöglicht die frühe Mobilisation, die für diese oft geschwächten Patienten entscheidend ist.
Deml MC et al. Bioengineering. 2022. PMID 35200426
Fragen zu Ihrer Situation?
Ob unklare Diagnose, laufende Antibiotikatherapie oder die Frage, ob eine empfohlene Operation wirklich notwendig ist: Schildern Sie mir Ihre Situation und senden Sie – falls vorhanden – Ihre Befunde, insbesondere MRT-Bilder, Laborverläufe und mikrobiologische Resultate. Nach Durchsicht fasse ich meine Einschätzung verständlich zusammen – auch als Zweitmeinung.
Verfasst und medizinisch geprüft von PD Dr. med. Sebastian Bigdon · Zuletzt aktualisiert: 6. Oktober 2026 · Die verwendeten Quellen sind im Abschnitt «Was sagt die Forschung?» mit PubMed-Verweisen angegeben.
Häufige Fragen
Ist eine Spondylodiszitis heilbar?
Muss eine Spondylodiszitis operiert werden?
Wie lange müssen Antibiotika eingenommen werden?
Wie gefährlich ist eine Spondylodiszitis?
Woher kommt die Infektion in der Wirbelsäule?
Was ist ein epiduraler Abszess?
Wie lange dauert die Erholung?
Ich nehme mir Zeit für die Durchsicht Ihrer Bildgebung und eine klare, schriftliche Einschätzung – auch als Zweitmeinung.